Prävention wirkt | Interview mit IDZ-Direktor Prof. Dr. A. Rainer Jordan

Mit der Veröffentlichung der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS • 6) hatten wir die Gelegenheit, ein Interview mit Prof. Dr. A. Rainer Jordan, wissenschaftlicher Direktor des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ), zu den Aspekten der zahnärztlichen Prävention zu führen. Die Gesamtausgabe der DMS • 6 steht Ihnen nachfolgend zum Download zur Verfügung.

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Herr Professor Jordan, die Ergebnisse der DMS • 6 zeigen, dass sich die Präventionsmaßnahmen der Zahnärzteschaft in den vergangenen Jahrzehnten auszahlen. Kein Fachbereich der Medizin hat vergleichbare Erfolge zu verzeichnen. Ist zukünftig ein dauerhafter Rückgang an oralen Erkrankungen zu erwarten?

Die wichtigsten Erkrankungen der Mundhöhle sind verhaltens-assoziiert und wir können beobachten, dass beispielsweise die Verbreitung fluoridhaltiger Zahnpasten und anderer Fluoridprodukte und deren regelmäßige Anwendung in den vergangenen Jahrzehnten bevölkerungsweit verankert ist. Professionelle Präventionsangebote wie die Individualprophylaxe werden von vielen Menschen ebenfalls regelmäßig in Anspruch genommen. Insgesamt ist also das Bewusstsein für gesunde Zähne sehr gestiegen und der Mythos, schlechte Zähne familiär geerbt zu haben, nicht mehr sehr verbreitet. Gleichzeitig sind die dentalen Technologien qualitativ besser geworden. Das zeigt auch der jüngst veröffentlichte Barmer Zahnreport zur Langlebigkeit von Restaurationen. Für den Bereich der Karies gehe ich insofern davon aus, dass der Trend zu mehr Zahngesundheit auch in Zukunft weitergehen wird unter der Voraussetzung, dass die präventiven Bemühungen nicht heruntergefahren werden. Dieser Fehler wurde schon andernorts gemacht mit verheerenden Folgen. Bei den parodontalen Erkrankungen ist ein solch klarer Trend bis dato nicht zu erkennen. Man muss schon dezidiert in die Daten schauen, will man hier einen eindeutigen und bevölkerungsweiten Rückgang der Erkrankungslasten erkennen. Daher würde ich auch für die Zukunft erwarten, dass wir noch eine Weile mit hohen parodontalen Erkrankungslasten zu kämpfen haben.

 

Wo gibt es aus Ihrer Sicht in der Präventivzahnmedizin noch Verbesserungsbedarf?

Aus präventivzahnmedizinischer Sicht sehe ich bei den Parodontalerkrankungen systematischen Verbesserungsbedarf. Für die Zahnkaries kann man wohl behaupten, dass die systematische Verbreitung der Fluoride ein Siegeszug war und sie vielleicht die „Wunderwaffe“ gegen Karies sind. Zumindest handelt es sich um eine niedrigschwellige, beinahe kollektivprophylaktische Maßnahme zur Vorbeugung der Karies, die quasi en passant während der täglichen Körperhygiene stattfindet und für die man eigentlich keine Verhaltensänderung eingehen muss. So etwas haben wir in der Parodontologie bislang nicht gefunden und die Erkrankung läuft auch komplexer ab als bei der Karies. Das Interface Zahn-Körper ist eine anatomische Schwachstelle des Körpers und eine Entzündung dort möglicherweise ein quasi-physiologischer Zustand, den es zu kontrollieren gilt. Wir wissen viel zur molekularbiologischen Pathogenese der Parodontitis. Aber ich tue mich schwer zu sagen, wir hätten schon das wirksame Präventionskonzept gegen die Parodontitis gefunden, das so (einfach) auf Bevölkerungsebene wirkt, wie wir das bei der Karies geschafft haben. Ich glaube, dass wir ein Zusammenwirken von verschiedenen Fachdisziplinen brauchen, um hier entscheidend weiter zu kommen, dazu gehören neben Zahn- und Präventivmedizinern auch Verhaltenspsychologen.

 

Lassen sich aus den Daten DMS • 6 spezielle präventive Strategien, beispielsweise für die MIH, ableiten?

Bei der MIH scheinen wir– was die Ätiologie betrifft – noch ziemlich am Anfang zu stehen. Es heißt ja immer: ohne Diagnose keine Therapie. Ich möchte auch sagen: ohne Ätiologie keine Prävention; Jedenfalls nicht im Sinne der Primärprävention. Auf der Ebene der Sekundär- und Tertiärprävention kann man aber schon einiges machen: Da die MIH sich bereits zu Beginn der ersten Wechselgebissphase mit dem Durchbruch der Sechsjahrmolaren und der zentralen Inzisivi darstellt, erscheint es aus zahnmedizinischer Sicht ratsam, den Zahndurchbruch in Sinne der Früherkennung zu nutzen und Eltern und Betroffene rechtzeitig aufzuklären. Dazu gehört aus meiner Sicht auch die gezielte fachliche Vermittlung differentialdiagnostischer Kompetenzen in der Zahnärzteschaft: MIH, Fluorose, White-spot-Initialläsionen und andere Schmelzbildungsstörungen sind nicht immer leicht voneinander zu unterscheiden. Daneben fehlt es meiner Ansicht nach an einer Leitlinie oder Behandlungsleitfäden, in der aus therapeutischer Sicht das derzeitige Wissen für die zahnärztliche Therapie aufbereitet wird.

 

Die DMS • 6 zeigt einen deutlichen Rückgang der Zahnverluste und völliger Zahnlosigkeit bei jüngeren Seniorinnen und Senioren. Somit sind zukünftig auch in hohem Alter mehr eigene natürliche Zähne vorhanden. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für die Präventivzahnmedizin?

Seit dem kontinuierlichen Rückgang der Zahnverluste vor allem bei jüngeren Seniorinnen und Senioren in Deutschland sehen wir praktisch für alle chronisch-destruktiven Erkrankungen der Zähne, Karies, Wurzelkaries und Parodontitis steigende Prävalenzen. Nur Zähne, die noch in der Mundhöhle stehen, können auch krank werden – teeth at risk nennen wir das. Bedingt durch gleich mehrere Faktoren, die interner (z. B. Mundhygienefähigkeit) und externer (z. B. Hyposalivation durch Medikamente) Natur sind, ist im Alter das Risiko erhöht zu erkranken. Durch diese beiden Faktoren stehen Seniorinnen und Senioren in einem doppelten Risiko für Zahnerkrankungen. Mitunter kommt hinzu, dass sie weniger mobil sind und insofern die Zahnarztpraxis gar nicht mehr selber aufsuchen können. Präventivmedizin und Seniorenzahnmedizin sind hier aus meiner Sicht auch gefragt, wissenschaftlich zusammenzuarbeiten und die aus heutiger Sicht erforderlichen Evidenzen für angepasste Therapieregime zu schaffen, damit diese Konzepte weiter in die Versorgung gebracht werden können. Aufgrund der Zusammenhänge von Allgemein- und Zahnmedizin sind auch weitere Fachdisziplinen mitzudenken. Präventive Zahnmedizin sollte es sich insgesamt zur Aufgabe machen, ein inter- und transdisziplinäres Fachverständnis zu entwickeln, denn das Aufgabenspektrum ist vielfältig und nur in der Zusammenarbeit können sich aus meiner Sicht die Synergismen entwickeln, die notwendig sind, bislang nicht erreichte gesellschaftliche Gruppen zu erreichen.

Lieber Herr Professor Jordan, wir danken Ihnen sehr herzlich für das Gespräch!

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